Spezial

Warum Sie diesen
Artikel lesen sollten:

Wenn Sie das Gefühl kennen, beim entspannten Atmen beinahe zu ersticken, geben Sie nicht auf. Wir versprechen Ihnen, da ist noch Luft nach oben!

Die volle Luftnummer

Über den atemberaubenden Weg vom durchschnittlichen Schnaufer zum bewussten Atmer: eine Luftaufnahme.

Text: Lara Buck

Atmen habe ich erst als Erwachsene gelernt. Ja, gut, schnaufen kann ich schon, seit ich auf der Welt bin – aber bewusst zu atmen ist eine ganz andere Nummer! Der Weg dorthin war für mich auch einigermaßen atemberaubend. Als junge Erwachsene war ich zunächst mal eine Meisterin der emotionalen Schnappatmung: viel Ärger rein, wenig Problemlösung raus. Ich will gar nicht wissen, was mein armes jugendliches Herz da so alles ausgleichen musste. Mein erster Kontakt mit Atemübungen war dann eher skurriler Art: als ich einmal bei einem Kollegen – Yogi und Schauspieler – zu Hause etwas abholen sollte und mich seine rigorose Gattin an der Türe abwies, mit den Worten: „Der kann jetzt nicht, der atmet.“ „Na, zum Glück“, prustete ich amüsiert heraus und erntete einen grimmigen Blick.

Luftabwehr

Später bin ich über verschiedene Kampf- und Bewegungskünste wie Aikido, Tai-Chi und Taekwondo wieder mit der bewussten Bauchatmung in Kontakt gekommen. Sie aber nicht mit mir! Es wollte einfach nicht fließen. Jedes Mal, wenn ich die ersten tiefen Atemzüge hinter mir hatte, bekam ich das Gefühl zu ersticken. Die Luft schnürte mir regelrecht die Luft ab!

„Dem sehr kleinen Buddha in mir platzte der Kragen: Ich war wohl einfach zu westlich für derlei Bewusstseinsstufen!“

Anfangs frustriert, probierte ich es immer mal wieder, tief in den Bauch zu atmen, den Fluss zu spüren, ganz locker zu sein – am besten gar nicht denken. Aber Pustekuchen: Wenn Sie mir sagen, ich solle nicht denken, springen sofort sämtliche Rädchen im Hirn an. Wenn Sie mir sagen, ich solle locker lassen, spüre ich mehr und mehr, wie meine Muskeln sich anspannen vor lauter Lockerlassen. Wenn Sie mir sagen, ich solle erst mal den natürlichen Fluss meines Atems spüren, beginne ich auffällig unnatürlich zu schnauben. Der sehr, sehr kleine Buddha in mir ging in die Luft: Ich war wohl einfach zu doof oder zu westlich oder zu deutsch für derlei Bewusstseinsstufen!

Was drin ist, muss erst wieder raus – dann klappt’s auch mit der Entspannung!

In Luft aufgelöst

„Pfffh!“ Ich pfiff auf die bewusste Atmung – man muss ja nicht auf jeden Atemzug aufspringen. Dachte ich. Und wurde dennoch immer wieder von Atemgedanken eingeholt. Irgendwann klappte es dann tatsächlich. Ich weiß nicht mehr, wann und wie, aber die Sperre unter meiner Brust schien sich in Luft aufzulösen – im wahrsten Sinne des Wortes. Erst vor Kurzem las ich über den französischen Meditationslehrer Fabrice Midal, der sagte: „Wenn ich mir die Anweisung gebe, mich zu entspannen, ist dies das sicherste Mittel, mich noch mehr zu verkrampfen.“ Meditation sei auch die Kunst, sich in Frieden zu lassen. Ha, dachte ich mir, alles richtig gemacht!

Ich habe die Lufthoheit

Tatsächlich gelingt es mir mittlerweile recht gut, Schmerz, Übelkeit, Stress und Ärger weg- oder zumindest kleiner zu atmen. Wenn ich mal wieder glaube zu ersticken, dann atme ich erst mal aus, nicht ein. Denn das Ausatmen ist der wichtigste Bestandteil der Entspannung, das habe ich begriffen. „Ausatmen ist Aussage“, sagte die fast 99-jährige, charismatische Atemtherapeutin Ilse Middendorf, und ich verstehe, was sie meinte. Von einer inneren buddhistischen Balance bin ich allerdings trotzdem noch Licht-, äh, Luftjahre entfernt. Auch die Atemblockaden in der Brust kenne ich noch immer ab und zu. Aber dann zucke ich mit den Schultern und lasse es bleiben. Denn ich habe hier schließlich die Lufthoheit! So, und jetzt gehe ich erst mal atmen …

Stand: Dezember 2019

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