Familie

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Ohrfeigen oder ein Klaps auf den Po: Obwohl ein Gesetz das verbietet, schlagen manche Eltern noch immer zu. Die Folgen können schlimm sein, doch es gibt Alternativen.

Kinder schlagen verboten

Seit 2000 ist die körperliche Bestrafung von Kindern in Deutschland unzulässig. Doch nicht alle Eltern halten sich daran. Gründe sind Hilflosigkeit, Stress und Überforderung.

Text: Antoinette Schmelter-Kaiser

Ein Kleinkind kann der Auslöser sein: Weil es sich im Flugzeug gegen das Anschnallen wehrt, windet es sich brüllend auf dem Schoß der Mutter. Eine andere Geduldsprobe sind Geschwister im Grundschulalter. Beim Essen piesacken sie sich so penetrant, bis eine Karaffe umkippt und Kirschsaft den Tisch überschwemmt. Spezialisten für enervierende Provokationen sind Teenager. Trotz wiederholter Weckversuche stehen sie an Schultagen nicht auf, geben pampige Antworten und kommen abends Stunden später als verabredet nach Hause. Situationen wie diese setzen Eltern massiv unter Stress. Ulla Nedebock teilt das Ausmaß in ihrem Buch „Starke Kinder brauchen Regeln“ in drei Phasen ein: In der grünen Zone denken Mütter und Väter noch klar, in der gelben Zone sind sie ärgerlich, können ihre Wut aber noch im Zaum halten, in der roten Zone sehen sie nur noch rot.

Bei Kindern können Schläge körperlich und seelisch bleibende Spuren hinterlassen.

Schlagen aus Hilflosigkeit

In solchen Momenten rutscht manchen aus Hilflosigkeit und Überforderung die Hand aus. „Menschlich ist das verständlich. Es wäre lebensfern zu sagen, dass das nicht passieren kann“, urteilt Rainer Becker, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Kinderhilfe. „Trotzdem sollte Gewaltfreiheit das oberste Credo sein.“ In Deutschland ist sie seit dem Jahr 2000 im Bürgerlichen Gesetzbuch verankert. Sein §1631 besagt: „Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.“ Ende 2018 hat Frankreich als eines der letzten Länder in Europa beschlossen, dass Kinder ein Recht auf gewaltfreie Erziehung haben. Vorreiter war Schweden, wo sie bereits seit 1979 flächendeckend Pflicht ist. Obwohl dort die Mehrheit der Bevölkerung erst dagegen war, setzte sich immer mehr ein Umdenken durch.

Schlagen und seine Folgen

Eine ähnliche Entwicklung zeichnet sich auch hierzulande ab: 2005 fanden 76,2 % der Eltern laut Studien einen Klaps auf den Po und 53,7 % eine leichte Ohrfeige akzeptabel. 2016 war ihr Anteil auf 44,7 bzw. 17 % gesunken. Gänzlich abgelehnt werden solche Erziehungsmaßnahmen aber nicht – obwohl sie für Kinder erwiesenermaßen ein Risiko bedeuten. „Eltern können ihre Kraft nicht einschätzen“, warnt Rainer Becker. „Schläge können genauso wie das Schütteln bei Babys zu neurologischen Spätschäden führen.“ Auch in anderer Hinsicht drohen Folgen: Werden Kinder öfter geschlagen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie später selbst in Beziehungen gewalttätig werden und psychische Probleme bekommen, so eine Metaanalyse der University of Texas aus dem Jahr 2016.

Video

Was passiert, wenn Eltern überfordert sind und ihnen die Hand ausrutscht? Wann beginnt Gewalt? Gehören Klaps und Ohrfeige dazu?

Geschlagen wird in allen Schichten

Eskaliert die Situation, kann das in Kindesmisshandlungen gipfeln. Für das Jahr 2017 verzeichnete die Kriminalstatistik bundesweit 3.542 Fälle. Dabei muss „von einer hohen Dunkelziffer nicht angezeigter Straftaten ausgegangen werden, da die Tat in erster Linie in der Familie verübt wird und die Opfer noch zu klein und zu hilflos sind, um auf sich aufmerksam zu machen“, so die Polizeiliche Kriminalprävention der Länder auf ihrer Internetseite. Befragungen Jugendlicher und junger Erwachsener hätten gezeigt, dass 5 bis 10 % aller Eltern schwerwiegende und relativ häufig Körperstrafen bei ihren Kindern anwenden. Weil solche Erfahrungen häufig ein Leben lang prägen, sollten Behörden von Verdachtsfällen erfahren. „Jugendämter und die Polizei können nur reagieren, wenn sie informiert sind“, appelliert Rainer Becker an Außenstehende. „Straftaten kommen quer durch alle sozialen Schichten vor.“

Grenzen setzen statt durchdrehen

„Wenn Menschen Eltern werden, lernen sie an sich Seiten kennen, von denen sie keine Ahnung hatten“, macht Ulla Nedebock klar. „Hetze und Stress siegen im Alltag häufig über unsere guten Vorsätze.“ Damit es in schwierigen Situationen trotzdem nicht zum Kontrollverlust kommt, hilft es ihrer Erfahrung nach, tief durchzuatmen und eine Auszeit zu nehmen, statt impulsiv zu reagieren. Bei massiven Belastungen schalte das Gehirn nämlich auf Angriff oder Flucht und sei nicht fähig, rational zu denken. Ansonsten empfiehlt sie klare Absprachen, praktische Regeln mit logischen Folgen und Ansagen auf Augenhöhe. Als Basis einer Familie verwendet sie das Bild eines Baums, dessen Wurzeln Wertvorstellungen für die Erziehung sind. Oder das eines Segelboots: „Es schwimmt mal in ruhiger, mal in stürmischer See, aber Eltern halten das Ruder in der Hand und wissen, wohin sie wollen“, so Ulla Nedebock. „Grenzen geben Halt, Sicherheit und Orientierung.“

Lektüretipps

Bücher und Internetseiten mit Informationen rund um gewaltfreie Erziehung

Download

Bücher

„Starke Kinder brauchen Regeln“

von Ulla Nedebock (Humboldt, 19,99 Euro): Plädoyer für klare Grenzen und kleine Veränderungen, die in Familien viel bewirken können.

 

„Mein wunderbares wütendes Kind“

von Sara Michalik-Imfeld und Peter Michalik (Humboldt, 19,99 Euro): Erfahrungs­berichte von Eltern und Expertentipps für einen angemessenen Umgang mit starken Gefühlen.

 

„Mama, nicht schreien!“

von Jeannine Mik und Sandra Teml-Jetter (Kösel, 16 Euro): Ratgeber für Eltern, um auch bei Stress, Wut und starken Gefühlen liebevoll zu bleiben.

Websites

www.hr-inforadio.de

Preisgekröntes ausführliches Dossier „Opfer ohne Stimme“ mit Multimediabeiträgen von hr-Info. Viele Fakten und Informationen für Opfer, aber auch Tipps für verzweifelte Eltern.

 

www.kindervertretung.de

Deutsche Kinderhilfe, die sich überparteilich um Gewalt- und Unfallprävention, aber auch Bildung, Ernährung und Bewegung kümmert.

www.vorsicht-zerbrechlich.de

Plattform zum Thema Gewalt gegen Kinder mit Adressen von Beratungsstellen oder Notruftelefonen und anderen informativen Links.

 

www.dksb.de

Bundesverband des Deutschen Kinderschutzbunds, der flächendeckend Träger von Beratungsstellen ist und Kurse wie „Starke Eltern – starke Kinder“ anbietet.

www.polizei-beratung.de

Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes mit Fakten, Tipps und Anlaufstellen.

Stand: Juni 2019

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