Spezial

Warum Sie diesen
Artikel lesen sollten:

Das Gender-Thema ist vielschichtig und weitreichend – wer da mitreden will, sollte gut informiert sein und vor allem Spezialausdrücke kennen.

Was ist Gender?

Weiblich und männlich sind zwei Pole, zwischen denen es eine Vielfalt biologischer und sozialer Geschlechter gibt. Doch was ist Gender? Ein breites Themenfeld.

Text: Barbara Lang

Manchmal ist das so: „Plopp!“, plötzlich ist da ein neues Wort. Allgegenwärtig – in den Medien und in aller Munde – taucht es immer wieder auf. Und wir fragen uns: Was genau heißt das eigentlich? „Gender“ ist auch so ein Begriff, der noch längst nicht jedem geläufig ist und mit dem sich nicht nur viele Missverständnisse verbinden, sondern auch Vorurteile. Wir klären auf: Was ist Gender? Was hat es mit Gender-Mainstreaming, Gender-Gap, dem Gender-Sternchen und all dem Drumherum auf sich?

Gender = das soziale Geschlecht

Das englischsprachige Wort Gender lässt sich mit „Geschlecht“ übersetzen. Allerdings umfasst dieser deutsche Begriff mehrere Bedeutungen, für die es im Englischen mindestens zwei Bezeichnungen gibt: „sex“ = das körperliche Geschlecht, das uns bei der Geburt zugewiesen wird; „gender“ = das soziale Geschlecht, also die gesellschaftlichen und kulturspezifischen Rollen und Erwartungen, die mit dem Geschlecht verbunden sind. In diesem Sinne wird der Begriff „Gender“ nun auch im deutschen Sprachraum verwendet, als Synonym für das soziale Geschlecht.

„Ich identifiziere mich mehr mit Frauen als mit Männern. Ich vermute, ich habe eine starke feminine Seite.“

Lenny Kravitz

 

 

Symbolprächtig: Auch Regenbogenfarben und das Sternchen Asterisk verbildlichen Gender-Vielfalt.

Was ist mit Gendern gemeint?

„Anne Will gendert neuerdings“, berichteten einige Medien im Mai 2020 und diese Tatsache hat für ein Raunen in der Zuschauerschaft gesorgt. Was war geschehen? Die ARD-Moderatorin hatte in ihrer Sonntagstalkshow bei dem Wort „Steuerzahler/innen“ eine hörbare Minipause vor die Silbe „-innen“ gelegt. Eine Sprechweise, die sich mittlerweile mehr und mehr im Fernsehen und Radio durchsetzt: Sie macht das sogenannte Binnen-i beziehungsweise das Gender-Sternchen hörbar.

Vom Maskulinum zur Gender-Schreibweise

Seit den feministischen 1970er-Jahren wird die deutsche Sprache immer wieder für ihr generisches Maskulinum kritisiert, also dafür, dass eine rein männliche Sprech- und Schreibweise auch Frauen einbeziehen soll. Zum Beispiel: Steuerzahler. Um unsere Sprache geschlechtergerecht zu machen, setzte sich die etwas sperrige Aneinanderreihung der männlichen und weiblichen Form durch (Steuerzahlerinnen und Steuerzahler), der jedoch alsbald die kürzere Alternative mit dem groß geschriebenen Binnen-i folgte (SteuerzahlerInnen).

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Warum teilen wir Menschen in Männer und Frauen ein? Ein kleiner Eye-Opener ...

Weil beiden Formen jedoch nur das männliche und weibliche Geschlecht meinen, kommt nun immer mehr das Gender-Sternchen oder der Gender-Unterstrich zum Einsatz (Steuerzahler*innen, Steuerzahler_innen). Sie verdeutlichen sichtbar, dass es mehr als zwei Geschlechtsidentitäten gibt. Übrigens eine Erkenntnis, die – wie die Geschlechterforschung weiß – keinesfalls modern ist.

„Ich wurde nicht als Junge geboren, mir wurde das Geschlecht bei meiner Geburt zugewiesen. Den Unterschied zu verstehen, ist wichtig für unsere Kultur und unsere Gesellschaft.“

Geena Rocero, Transgender-Model

 

Bunte Gender-Vielfalt

Entgegen der von uns erlernten binären Kategorisierung und Geschlechterordnung zeigt nun ein Sternchen, dass es da noch eine breite Spanne gibt zwischen männlich und weiblich. Sowohl das biologische als auch das soziale Geschlecht kennt vielfältige Formen: Intergeschlechtliche und transgeschlechtliche Menschen, genderfluide und genderqueere Menschen, homo- und bisexuelle Menschen bilden eine bunte Vielfalt von geschlechtlichen und sexuellen Identitäten, Lebens- und Mischformen. Sprachlich umschrieben wird diese facettenreiche Menschengruppe meist mit dem Kürzel LGBTIQ* (Lesbian-Gay-Bisexuel-Trans*-Inter*-Queer) oder dem Begriff „nicht-binär“. Mehr dazu in unserem Artikel „Geschlechterrollen im Wandel“.

Gender-sensibilisiert im Alltag?

Die rein sprachlichen Annäherungen an die Vielgestaltigkeit der Geschlechtsidentitäten ist ein erster Schritt, der nachweislich auch auf unsere Wahrnehmungen, Erwartungen und Entscheidungen wirkt. Aber er spiegelt momentan noch keine umfassende gesellschaftliche Akzeptanz wider. Eine Sensibilisierung findet nur ganz langsam statt. Und allzu häufig werden nicht-binäre Menschen in Alltagssituationen ausgegrenzt, diskriminiert und angefeindet. Doch auch zwischen Männern und Frauen kann noch lange nicht in allen Lebenssituationen von Chancengleichheit die Rede sein, obwohl längst klar ist, dass auch Männer davon profitieren.

Gender-Gap und Gender-Mainstreaming

Wie der Gender-Pay-Gap zeigt, verdienten Frauen 2019 in Deutschland (unbereinigt) 20 Prozent* weniger als Männer, wobei der Unterschied in Ostdeutschland wesentlich geringer war als im Westen. Weitere Lücken (engl. „gap“) der Gleichberechtigung klaffen, wenn es um die Repräsentation von weiblichen Vertreterinnen in Führungsebenen der Wirtschaft und Politik geht: 2019 betrug z.B. der Frauenanteil in den Vorständen der DAX-Unternehmen 14,7 Prozent*, der im Deutschen Bundestag 31,2 Prozent*. Deutschland schneidet bei diesen Themen im europäischen und weltweiten Vergleich oft extrem schlecht ab. Und auch in der (Gender-)Medizin muss sich noch viel tun, denn auch hier gilt der männliche Körper noch allzu oft als Maßstab. In Deutschland gibt es lediglich eine einzige Professur für frauenspezifische Gesundheitsforschung. Große Aufgabenfelder für das sogenannte Gender-Mainstreaming (seit 1998 EU-Richtlinie), dem Versuch, überall, wo Planungs- und Entscheidungsprozesse stattfinden, von vornherein Gleichstellungsaspekte zu beachten und umzusetzen. Dennoch wird der Weg zur realen Chancengleichheit für alle Geschlechter noch weit sein, denn die emotionalen Wellen schlagen in der Genderdiskussion oft sehr hoch!

(*Quellen: Statistisches Bundesamt, bundestag.de)


Zur Autorin: Als Journalistin hat Barbara Lang auch mal Themen zu bearbeiten, die weniger interessant sind. Diesmal wollte sie gar nicht mehr aufhören zu schreiben und zu recherchieren.

Stand: Dezember 2020

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