Familie

Warum Sie diesen
Artikel lesen sollten:

Schwierigkeiten im sozialen Miteinander sind typisch bei einer Störung aus dem Autismus-Spektrum. Die Hürden, eine erfüllende Beziehung zu führen, sind höher, aber nicht unüberwindbar.

Liebesbeziehung­en bei Autisten

Viele Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung suchen Nähe und sehnen sich nach einem Partner fürs Leben. Nicht ganz einfach, aber möglich!

Text: Antoinette Schmelter-Kaiser

Das Hotelzimmer ist schick und hat Panoramafenster zum Strand. Sharnae und Jimmy sind voller Vorfreude auf ihr romantisches Wochenende am Meer. Doch als sich das Paar abends ausgehfein macht, kippt die Stimmung. Der Grund ist die falsche Sockenfarbe: Jimmy trägt einen blauen Anzug, hat aber nur schwarze Socken eingepackt – für ihn eine Katastrophe. Sharnae ist nur kurz irritiert. Dann schaltet sie um auf Deeskalation, geht mit ihrem Freund Ersatz kaufen und sorgt so für ein Happy End. Denn nur mit blauen Socken fühlt sich Jimmy sicher genug für seinen nächsten geplanten Schritt: erst eine gesungene Liebeserklärung, dann ein Heiratsantrag bei Sonnenuntergang.

Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung müssen den Umgang mit potenziellen Partnern (und dem ersten Date) richtig trainieren.

Bedarf an besonderen Bedingungen

Diese Szene aus der neuen Netflix-Serie „Liebe im Spektrum“ macht klar, dass auch Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung nach einer erfüllenden Beziehung suchen und sie finden können. Allerdings brauchen sie dafür verständnisvolle Partner und besondere Bedingungen: Viele Betroffene fühlen sich nur mit ihrer vertrauten Routine und festen Regeln wohl. Abweichungen von Handlungsritualen finden sie genauso störend wie Lärm, viele Leute oder andere starke Außenreize. Zu Schwierigkeiten bei der Informations- und Wahrnehmungsverarbeitung kommen Probleme, die sozialen sowie emotionalen Signale anderer zu verstehen und sie selbst zu senden.

Genetisch bedingte Gründe

Die Gründe für solche tiefgreifenden, komplexen Entwicklungsstörungen liegen im zentralen Nervensystem und sind zumindest teilweise genetisch bedingt. Ihre Bandbreite reicht vom frühkindlichen Autismus bis zum Asperger-Syndrom. Beim frühkindlichen Autismus kapseln sich bereits schon Babys ab und tun sich mit dem Sprechen und dem Aufbau von Beziehungen schwer. Beim Asperger-Syndrom, das meist erst später diagnostiziert wird, fallen die Kinder oftmals durch eine verminderte motorische Koordination und/oder spezielle, intensive Interessen auf. Typisch ist wie für den hochfunktionalen Autismus durchschnittliche oder manchmal sogar überdurchschnittliche Intelligenz. Beim atypischen Autismus sind nur Teile der Symptomatik nachweisbar.

Video

„Liebe im Spektrum“ porträtiert sieben Singles und zwei Paare

Große Bandbreite des Spektrums

„Die Bandbreite beim autistischen Spektrum ist groß“, bestätigt Dr. Ingo Spitczok von Brisinski. „Entsprechend schwierig ist eine eindeutige Diagnose, für die man viel Erfahrung braucht.“ Sinnvoll findet der Chef- und Fachbereichsarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie in der LVR-Klinik Viersen diese schon, wenn der Leidensdruck der Betroffenen im Umgang mit sich selbst oder anderen hoch ist. Mit therapeutischer und pädagogischer Unterstützung lasse sich die Ausprägung von Problemen positiv verändern.

Training über Theorie und Nachahmung

Seiner Erfahrung nach ist der Drang nach Nähe bei autistischen Menschen oftmals zwar nicht so groß wie bei anderen. „Ab der Pubertät, die oft später einsetzt, sind Flirten und Sexualität aber durchaus wichtige Themen“, so Dr. Ingo Spitczok von Brisinski. „Da die Fähigkeit zu Empathie und Intuition in der Regel vermindert ist, muss diese erst über Theorie und Nachahmung trainiert und dann praktisch ausprobiert werden.“ Wie das im Detail funktioniert, zeigt die Serie „Liebe im Spektrum“ am Beispiel sieben australischer Singles Anfang, Mitte 20. Mit Unterstützung versierter Beziehungscoaches, Familien und Workshops, die auf typische Kennenlernsituationen vorbereiten, wagen sie sich an erste Dates.

Hoffnung und Unbeholfenheit

Die Hoffnung von Kelvin, Mark, Michael, Chloe, Maddi, Andrew und Olivia, die Liebe zu finden, ist groß, ihre ehrliche Unbeholfenheit im Umgang mit potenziellen Partnern ebenso. Gespräche werden nach Schema F geführt oder durch Blackouts wegen zu großer Nervosität unterbrochen. Blick- und Körperkontakt sind schwierig bis unmöglich. Am Ende der ersten Staffel haben zwar alle sieben wertvolle Erfahrungen gemacht, sind aber nicht fündig geworden – anders als Ruth und Thomas sowie Sharnae und Jimmy, die „Liebe im Spektrum“ als Paare porträtiert. Alle vier haben eine autistische Störung, kennen Anderssein und können Handicaps ihres Partners leichter akzeptieren.

Bereitschaft für Besonderheiten

Diese Passgenauigkeit kann die Chancen auf eine funktionierende Beziehung erhöhen, ist aber keine Voraussetzung. „Ausschlaggebend ist eine hohe Bereitschaft, auf die Besonderheiten des Partners einzugehen“, so Dr. Ingo Spitczok von Brisinski. „Dazu muss man keine autistische Störung haben, die rund ein Prozent der Bevölkerung betrifft. Aber man sollte versuchen, diese zu verstehen. Sie bewirkt kein ‚falsches‘ Verhalten, sondern die Unfähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, Gestik und Mimik zu lesen, zu interagieren.“ Menschen mache aber mehr als ihre autistische Störung aus. Ihre positiven Seiten seien Spezialinteressen, Pflichtbewusstsein, Ehrlichkeit und Ordnungsliebe.

Kein Vergleich mit „Normalos“

In seiner Ausbildung zum Facharzt berührte die erste Asperger-Diagnose bei einem jungen Patienten Dr. Ingo Spitczok von Brisinski 1990 so, dass er sich seither für das autistische Spektrum interessiert. „Damals gab es erst wenige Erkenntnisse. Das hat sich geändert. Dennoch sagen mir Patienten: ‚Sie sind der Erste, der mich versteht.‘“ Wegen dieser Erfolgserlebnisse ist seine Motivation hoch, Betroffene zu begleiten. „Ihr Weg ist eine Gratwanderung zwischen der Frage, wie viel Normalität hilfreich ist, und der, welchen Platz, welche Rahmenbedingungen eine Persönlichkeit im autistischen Spektrum braucht“, so der Spezialist. „Wichtig ist, dass Betroffene Lösungen finden, die auch in Beziehungen ihren besonderen Bedürfnissen entsprechen.“

Lektüretipps

Tipps für hilfreiche Internetseiten, Dokumentarfilme und Bücher rund um Störungen aus dem Autismus-Spektrum, die ebenso vielgestaltig wie komplex sind:

Download

autismus.de

Portal des Bundesverbands Autismus Deutschland e.V. mit Informationen über das breite Spektrum der Störungen, Veranstaltungen, Netzwerke, Regionalverbände und Fachliteratur

autismus-kultur.de

Blog eines Autisten, der seine persönlichen Erfahrungen mit aktuellen Forschungsergebnissen zusammenbringt und auch wissenschaftlich validierte Selbsttests ermöglicht

„Eine Welt – zwei Wahrnehmungen“:

Sachbuch, in dem Guido Kopp und Katrin Moser autistische Störungen aus der Perspektive einer Betroffenen und ihres Therapeuten schildern (Springer)

„Geniale Störung“:

Mix aus Historie, Reportage und wissenschaftlicher Studie von Steve Silberman über die Geschichte des Autismus und die Notwendigkeit anders denkender Menschen (DuMont)


Zur Autorin: Antoinette Schmelter-Kaiser kennt niemanden mit einer diagnostizierten Störung aus dem Autismus-Spektrum persönlich. Bei ihren Recherchen ist ihr aber aufgefallen, wie viele Berühmtheiten von Albert Einstein über Glenn Gould bis Greta Thunberg trotz oder gerade wegen ihrer Autismus-Variante herausragende Persönlichkeiten sind.

Stand: Dezember 2020

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