Spezial

Warum Sie diesen
Artikel lesen sollten:

Zugegeben, es fällt uns allen nicht leicht, uns zu entschuldigen. Aber manch einer hat den Sinn und Zweck dahinter wohl noch gar nicht verstanden.

Sag es und meine es!

Nein, wir können stille Entschuldigungen nicht aus einer Gedankenblase lesen und ein geranztes „Schullijung“ stimmt uns auch nicht milder …

Text: Lara Buck

„Jetzt gebt euch die Hand und dann ist’s wieder gut!“ Den pädagogischen Ansatz hinter dieser klassischen Pausenhofszene hab ich noch nie verstanden. Warum sollte ein aufoktroyierter, widerwillig gegebener Handschlag irgendetwas gutmachen? Wie kommt die Lehrerin (wahlweise die Mutter) dazu, das zu behaupten? Und hat sie wirklich beim Umdrehen und Weggehen noch nie gehört, dass einer der beiden Streithähne dem anderen ein giftiges „Arschloch“ (wahlweise „Doofkopf“) hinterherzischte?

Zanken gehört zum Leben

Nach dem Durchlaufen meiner Kindheit und dem Begleiten verschiedener Nachwüchse – darunter mein eigener – durch deren Kinderzeit wage ich zu behaupten: Befehle wie „Vertragt euch!“ oder „Hört auf zu zanken!“ sind so sinnvoll, wie einem Hund das Schnüffeln zu verbieten. Streit gehört zu Kindertagen wie Schürfwunden und Eiscreme. Dienlich wäre aber, wenn die Kleinen von Erziehungs- und Betreuungspersonen lernen würden, über einen Streit nochmals zu reden, nachdem sich die erste Wut gelegt hat. Und sich gegebenenfalls zu entschuldigen, wenn sie feststellen, dass sie sich unfair verhalten haben.

Wie schnell haben wir ein Krönchen auf dem Kopf, aus dem uns ein Zacken herausfallen könnte?

Da die meisten von uns jedoch vom Erziehungsmodell „Gebt euch die Hand“ geprägt wurden, ist das Ding mit dem Entschuldigen oft bis ins hohe Erwachsenenalter ein schwieriges. Da haben wir schnell mal ein Krönchen auf dem Kopf, aus dem uns ein Zacken fallen könnte. Manch einer merkt gar nicht, wie sehr er den anderen mit seiner jahrelang ausbleibenden Entschuldigung belastet. Das ist wie ein schwerer, festklebender Rucksack, der wie eine angezogene Handbremse aufs Leben wirken kann!

Mehr als 1.000 Worte? Beim nächsten Mal genügen vier Worte, statt 1.000 Floskeln: Es. Tut. Mir. Leid.

Ein bisschen Mühe muss schon sein

So gesehen ist eine schlechte Entschuldigung vielleicht noch besser als gar keine. Aber ein bisschen Mühe gehört trotzdem dazu. Also, ihr (Ehe-)Männer, wundert euch bitte nicht, wenn ein Post-it mit der Aufschrift „Tschuldigung“ die Liebste nicht wie erhofft besänftigt – obwohl diesmal noch ein Blumenstrauß am Zettel hängt! Oder ihr, liebe Frauen, seid ihr ernsthaft erstaunt, wenn euch noch immer Ablehnung entgegenschlägt, nachdem ihr doch mit einem zuckersüßen „Jetzt sei wieder gut!“ beschwichtigen wolltet?

Die Tut-mir-leid-Schleife mit dem Blumenstraußabo macht dann auch nichts mehr gut!

Die Liste der Pseudo-Wiedergutmachungen ließe sich noch lange fortführen: „So schlimm war’s doch auch nicht …“, „Das hatte keine Bedeutung …“, „Ups, sorriiiiiiie (kicher) …“, „Du hast das völlig falsch verstanden …“, „Ach, komm schon …“, „Sei halt nicht mehr sauer …“. Uns kommt so viel Geblubber über die Lippen – im schlimmsten Fall sogar nur über die Tastatur oder aufs Papier –, nur das Bedeutsamste fehlt: ES TUT MIR LEID. Vier schlichte Worte mit einem aufrichtigen Blick in die Augen. Doch selbst die schönste und ehrlichste Entschuldigung ist kaum mehr einen Penny wert, wenn ihr nicht auch eine merkliche Verhaltensänderung folgt, zumindest das sichtliche Bemühen darum. Andernfalls könnte sich eine Tut-mir-leid-Schleife etablieren, die man direkt noch mit einem automatischen Blumenstraußabo besiegeln könnte. Und dafür gibt es dann wirklich keine Entschuldigung mehr!

Stand: März 2020

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