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Jährlich sterben weltweit 700.000 Menschen an den Folgen einer Antibiotikaresistenz. Um den Nutzen der Bakterientöter zu bewahren, müssen wir umdenken.

Antibiotika richtig anwenden

Bei Erkältung ein Antibiotikum nehmen? Das ist sicher keine gute Idee. Es darf nur gezielt eingesetzt werden, sonst verliert es seine Wirkung.

Gegen Tuberkulose verordneten Ärzte noch vor hundert Jahren Frischluft. Die Infektionskrankheit endete meist tödlich. Ebenso Blutvergiftung oder Lungenentzündung. Denn die Medizin besaß kein wirksames Mittel gegen den gemeinsamen Auslöser dieser Erkrankungen: Bakterien. Erst in den 1930er-Jahren war eine neue Wunderwaffe verfügbar und rettet seither millionenfach Leben: Antibiotika. Doch sie ist nun bedroht. Experten warnen vor einem Rückfall in das Vor-Penicillin-Zeitalter. Was steckt dahinter?

Machtlos gegen Viren

„Sowohl Ärzte als auch Patienten müssen lernen, dass Antibiotika nur eine begrenzte Wirksamkeit haben“, erklärt Beat Müller, Professor für Innere Medizin an der Universität Basel. Eine von Müller geleitete Studie ergab, dass drei Viertel aller Verschreibungen von Antibiotika auf Atemwegserkrankungen entfallen. Die Ursache der Beschwerden sind jedoch meistens Viren – und gegen sie können Antibiotika nichts ausrichten. Die Arzneien wirken ausschließlich gegen Bakterien und nicht gegen andere Erreger. Gegen lästige Erkältungsviren sind sie ohne Effekt. Dennoch werden sie massenhaft gegen solche Beschwerden geschluckt. In einigen europäischen Ländern, darunter Spanien, Griechenland und Rumänien, sind Antibiotika sogar rezeptfrei erhältlich.

Bakterien können Strategien entwickeln, um antibiotische Wirkstoffe abzuschwächen oder auszuschalten.

Resistenzen breiten sich aus

Der ungezielte Einsatz von Antibiotika führt dazu, dass Bakterien unempfindlich (resistent) gegen die bakterientötenden Wirkstoffe werden. An sich harmlose Keime können zur tödlichen Gefahr werden. Das Bakterium MRSA aus der Gattung der Staphylokokken besiedelt bei jedem Dritten die Haut oder Nasenschleimhaut. Es verursacht normalerweise keine Symptome, denn gesunde Erwachsene sind in der Lage, den Erreger abzuwehren. Für Säuglinge, ältere oder kranke Menschen, deren Immunsystem geschwächt ist, wird MRSA zum ernsten Problem. Bei ihnen kann der Keim Wundinfektionen oder Lungenentzündungen hervorrufen, die im schlimmsten Fall tödlich enden.

Multiresistente Keime wie MRSA sind normalerweise harmlos, können aber für geschwächte Patienten zur tödlichen Falle werden.

„Bakterien haben sehr viele Möglichkeiten entwickelt, sich gegen die Wirkung von Antibiotika zu schützen“, sagt Dr. Winfried Kern, Professor mit dem Schwerpunkt Infektiologie an der Universität Freiburg. Es gibt rund 80 verschiedene Antibiotika – doch immer häufiger werden Fälle gemeldet, bei denen kein einziges von ihnen wirkt. Diese beunruhigende Entwicklung hat die Weltgesundheitsorganisation WHO auf den Plan gerufen. Denn Antibiotikaresistenzen kennen keine Staatsgrenzen und können nur durch international abgestimmtes Handeln eingedämmt werden. Die WHO-Mitgliedsstaaten haben 2015 einen globalen Aktionsplan verabschiedet. Laut WHO-Statistiken sterben pro Jahr weltweit rund 700.000 Menschen an den Folgen einer Antibiotikaresistenz.

 

 

 

 

Seit der Entdeckung des Penicillins 1928 haben Antibiotika Menschenleben gerettet. Nun ist die Wirksamkeit gefährdet.

Einnahme wird häufig vorzeitig abgebrochen

Um den Nutzen von Antibiotika für die Zukunft zu bewahren, müssen nicht nur Ärzte ihr Verschreibungsverhalten ändern. Auch für Patienten gibt es Grundregeln. Antibiotische Wirkstoffe dürfen nur nach Verordnung und in der vorgeschriebenen Dosierung verwendet werden. Auf keinen Fall übrig gebliebene Tabletten „auf Verdacht“ oder „vorsichtshalber“ einnehmen! Hat der Arzt ein Antibiotikum verschrieben, dann muss die Dauer der Behandlung eingehalten werden. Oft tritt schon nach kurzer Zeit eine Besserung ein und Patienten brechen die Einnahme vorschnell ab. Dann droht ein Rückfall, weil die Bakterien weiterhin aktiv sind. Viele Wirkstoffe müssen über eine volle Woche eingenommen werden.

Antibiotika vernichten nicht nur schädliche Bakterien, sie greifen auch nützliche Keime an, die unseren Darm besiedeln.

Im Darm leben mehrere Hundert nützliche Bakterienarten, die unter anderem für das Immunsystem unverzichtbar sind. Die keimtötenden Wirkstoffe der Antibiotika erkennen jedoch keinen Unterschied: Sie greifen auch die natürliche Darmflora an und dezimieren sie. Dieser Effekt verstärkt sich, wenn in kürzeren Zeitabständen mehrere Behandlungen erforderlich sind. Sogenannte Probiotika – hochkonzentrierte Milchsäurebakterien – können helfen, das mikrobielle Gleichgewicht im Darm wieder herzustellen.

Stand: März 2018

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